Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden verstärkten Umstellung auf digitale Arbeits- und Lernumgebungen skizzieren die renommierten Pädagogen Prof. Dr. Dieter Euler und Prof. Dr. Eckart Severing Veränderungen in den Berufsbildern und eröffnen entsprechende Handlungsmöglichkeiten für bildungspolitische Akteure.

Entgegen der gängigen Annahme, dass die Digitalisierung schlagartig alles verändern werde, plädieren die Autoren für einen pragmatischen Ansatz, der sich proaktiv und gestaltungsorientiert potentiellen Herausforderungen stellt. Dadurch eröffnet sich die Gelegenheit, etwaige Folgen der Digitalisierung nicht als unausweichliche Schicksalsereignisse zu deuten, sondern als gestaltbare Möglichkeiten wahrzunehmen. Der Staat nimmt dabei eine ordnende Rolle ein, die an verbindliche Kriterien und Handlungsmaßstäbe geknüpft ist, um so technologische Herausforderungen reflektierend beeinflussen zu können.

Zunächst werden mögliche, jedoch nicht zwangsläufige Auswirkungen der Digitalisierung auf der Ebene der Berufsausübung identifiziert. In unterschiedlichem Maß sind davon verschiedene Berufsbilder betroffen. Neben dem Verschwinden einiger Berufsbilder und einer partiell drohenden Dequalifizierung, kann es in Zukunft zu einer Kompetenzerweiterung innerhalb bestehender Berufe sowie zum Entstehen gänzlich neuartiger Berufe kommen.

Daran anschließend ergeben sich laut den Autoren Handlungsfelder einer gestaltungsorientierten Ordnungspolitik. Einerseits müssen berufsfachliche Inhalte mit neuartigen und non-formalen Industriezertifikaten (z.B. Microsoft Solutions Associate, SAP Certified Associate) erweitertet werden, um so Berufsbilder an eine sich dynamisch wandelnde Arbeitswelt anzupassen. Andererseits bedarf es vermehrt überfachlicher Kompetenzen, damit dem gestiegenen Innovationstempo mit Fähigkeiten, die den Menschen von der Technologie unterscheiden, angemessen begegnet werden kann. Auf der Ebene der Vermittlung dieser Inhalte nehmen die berufliche Weiterbildung sowie eine digitale und aktivierende Didaktik eine wichtige Schlüsselrolle ein, die es zunehmend auszubauen gilt.

Kritisch zu sehen ist allerdings der grundlegende Kontrast zwischen dem Titel und den Inhalten der „Denkschrift“. Die Folgen der Corona-Pandemie, die über Fragen der Digitalisierung hinausgehen, bleiben daher leider unberücksichtigt. Ebenso folgt der Aufbau nicht immer einer logischen Stringenz und die Ausführungen verharren oft auf einem hohen Abstraktionsniveau, sodass wichtige Aspekte nur an der Oberfläche behandelt werden. Zudem widerspricht der Text stellenweise seinem ordnungspolitischen Anspruch.

Dennoch hebt sich angesichts des interessanten Ansatzes die „Denkschrift“ deutlich von den gängigen Meinungen und Positionen des vorherrschenden Digitalisierungsdiskurses ab. Zudem besticht der Text mit einer Fülle an wichtigen und anregenden Gedanken, die sich für weitere Diskussionen als hilfreiche Impulse erweisen.

Eine ausführlichere Darstellung der Inhalte der „Denkschrift“ sowie eine genauere Kritik und Würdigung ihrer Stärken und Schwächen stellen wir unter diesem Link bereit. Die „Denkschrift“ selbst ist auf der Internetseite www.chance-ausbildung.de/digitalisierung/denkschrift abrufbar.


Erstellt von Dan-Esra Gloe