Im Augenblick kann die Bundesagentur für Arbeit (BA) Monat für Monat historische Bestmarken für den Arbeitsmarkt verkünden. Die Arbeitslosigkeit sinkt auf immer neue Niedrigstände und die Beschäftigung wächst kontinuierlich. Hat sich aber dadurch auch die Situation für alle Arbeitslosen, besonders Langzeitarbeitslose, verbessert?

Die BA stellt fest, dass im Juni 2017 insgesamt 903.000 langzeitarbeitslose Personen zu verzeichnen gewesen seien. Das sind 91.000 bzw. 9,1 Prozent weniger als im Juli 2016. Der DGB hat herausgefunden, dass die Zahl der Langzeitarbeitslosen vor allem deswegen gesunken sei, weil zurzeit weniger Arbeitslose so lange arbeitslos blieben, dass sie die Grenze von zwölf Monaten Arbeitslosigkeit überschneiden und zu Langzeitarbeitslosen würden. So wurden im genannten Untersuchungszeitraum „nur“ 655.000 bis dahin Kurzzeitarbeitslose zu Langzeitarbeitslosen. Im Jahre 2015 hatte es noch 736.000 solcher Übertritte in die Langzeitarbeitslosigkeit gegeben. Die BA gibt weiter an, die rückläufige Zahl der Zugänge in die Langzeitarbeitslosigkeit sei zu einem großen Teil auf eine verstärkte Förderung von Arbeitslosen zurückzuführen, bevor diese Langzeitarbeitslose würden. Zwischen Juli 2016 und Juli 2017 hätten somit 290.000 Kurzzeitarbeitslose mehr an Förderungen teilgenommen, als im gleichen Zeitraum ein Jahr zuvor.

Dies darf allerdings nicht so verstanden werden, dass sich etwa die Chancen der Langzeitarbeitslosen verbessert hätten, eine Erwerbstätigkeit auf dem ersten Arbeitsmarkt aufnehmen zu können. Die „Abgangsrate“ in Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt und Selbstständigkeit stagniere seit 2015 gleichbleibend bei 1,6 Prozent, das heißt, von je 1000 Langzeitarbeitslosen können im Folgemonat nur 16 eine Erwerbstätigkeit aufnehmen und die Arbeitslosigkeit beenden, wie der DGB feststellt.

Die Gründe hierfür liegen zum einen in einer immer noch klaffenden Lücke zwischen dem Arbeitskräfteangebot und der Arbeitskräftenachfrage, die rechnerisch derzeit ein Ausmaß in Höhe von rund 2,6 Millionen fehlender Arbeitsplätze angenommen hat. Hinzu kommt das Missverhältnis zwischen den Qualifikationsanforderungen der offenen Stellen und den Qualifikationsprofilen der Langzeitarbeitslosen, die als Integrationshemmnisse auftreten.

Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat festgestellt, dass nur knapp die Hälfte (46 Prozent) der Langzeitarbeitslosen über einen Berufsabschluss verfügt, 54 Prozent verfügen hingegen über keine abgeschlossene Berufsausbildung. Allerdings seien nur etwa 20 Prozent der offenen Stellen auf dem ersten Arbeitsmarkt auch ohne einen Berufsabschluss zugänglich. Bei 64 Prozent der offenen Stellen werde ein Ausbildungsabschluss verlangt, bei 16 Prozent ein Fachhochschul- oder Hochschulabschluss.

Dieses Missverhältnis zwischen geforderten und vorhandenen Qualifikationen im Bereich der Langzeitarbeitslosigkeit macht deutlich, wie dringend notwendig es ist, Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung und insbesondere Bildungsmaßnahmen, die zu einem Abschluss führen, für diese Klientel zu verstärken, um beeinflussbare Vermittlungshemmnisse (im Gegensatz zu beispielsweise Alter oder gesundheitlichen Beeinträchtigungen) abbauen zu können und die individuellen Integrationschancen zu erhöhen.

Die BA gibt an, das nur zehn Prozent der Langzeitarbeitslosen im Rahmen der Arbeitslosenversicherung betreut würden, 90 Prozent befänden sich im Hartz-IV-System. Ein ähnliches Bild ergibt sich für Arbeitslose ohne abgeschlossene Berufsausbildung, 85 Prozent von ihnen würden durch die Jobcenter betreut, 15 Prozent von den Arbeitsagenturen. Angesichts des Förderbedarfes und der Problemlagen dieses Personenkreises müsste man davon ausgehen, dass gerade im Hartz-IV-Bereich die aktiven Förderinstrumente besonders zur Anwendung gebracht würden, schlussfolgert der DGB.

Genau das Gegenteil ist aber der Fall. Nach eigenen Berechnungen des DGB lag die Förderquote für Arbeitslose im Hartz-IV-Bereich im Juni 2017 bei 21,3 Prozent (im Gegensatz zu 36,8 Prozent in der Arbeitslosenversicherung). Davon erhielten nur 2,9 Prozent (7,7 Prozent) eine berufliche Weiterbildung, und nur 1,1 Prozent (3,7 Prozent) eine berufliche Weiterbildung mit Abschluss. Im Hartz-IV-System dominieren zum Teil sehr kurze Maßnahmen zur Aktivierung und beruflichen Eingliederung. Maßnahmen der beruflichen Bildung werden also nur sehr selten gefördert – solche, die zu einem Abschluss führen würden, werden so gut wie gar nicht gefördert.

Dabei hat die BA selbst bereits festgestellt, dass Maßnahmen der beruflichen Weiterbildung deutlich effektiver und häufiger zu einer Integration in den Arbeitsmarkt führen würden. Sechs Monate nach dem Ende einer Bildungsmaßnahme seien 34,4 Prozent der zuvor Langzeitarbeitslosen sozialversicherungspflichtig beschäftigt, nach einer Aktivierungsmaßnahme hingegen nur 23 Prozent.

Daher fordert der DGB u.a. einen Rechtsanspruch auf Beratung zur Weiterbildung für alle Arbeitslosen, somit auch Langzeitarbeitslose. Sollte diese Beratung ergeben, dass eine Weiterbildung für eine stabile berufliche Integration notwendig sei, müsse diese im Rahmen eines Rechtsanspruches auch gewährt werden. Für Arbeitslose ohne eine abgeschlossene Berufsausbildung solle es generell einen Rechtsanspruch auf Nachqualifizierung geben.

arbeitsamarktaktuell Nr. 02 / Januar 2018

 


Erstellt von Andreas Nierhaus